Spaziergang mit Katze

Jana als SchlüsselkindIch bin acht und wohne in der Metzer Straße 6, vierter Stock. Mit meinen Eltern, Großeltern, Onkel Rainer und seinen Streuner-Hunden. Onkel Rainer bringt sie von irgendwo mit, und sie leben dann eine Weile bei uns, und Oma schreit jedes Mal rum, von wegen Dreck. Doch Dolly, die schwarze Promenadenmischung, hat sie auch lieb. Einmal bringt Rainer einen kleinen Hahn mit, in einem Pappkarton, der am nächsten Morgen um fünf Uhr kräht, da ist was los: Oma ist ganz rot im Gesicht, reißt die Fenster auf und brüllt: Honecker ist schuld!

Wir heizen mit Kohlen, dafür steht meine Mutter morgens extra früh auf. Es ist warm, wenn ich aus der Schule komme. Ich bin Jungpionier, Schlüsselkind und gehe in die Polytechnische Oberschule am Wasserturm. Das Schulhaus ist alt und aus Backstein, in den Gängen riecht es nach Bohnerwachs. In den Hort muss ich nicht, weil mein Opa schon zuhause ist. In der Kinderbibliothek am Pfefferberg leihe ich oft Bücher aus, z.B. Huckleberry Finn. Meine Oma sagt dann immer, ich soll grade über´n Damm gehen. Sie meint die Schönhauser Allee.

Meine Freundin Michi wohnt gleich um die Ecke in der Straßburger Straße und ist auch Schlüsselkind. Wir beide dürfen nach dem Mittagessen nach Hause. Das ist toll, denn so weiß keiner richtig, was wir nachmittags machen. (Michis Mutter ist Hausfrau, bäckt gern Streuselkuchen und liest Westzeitschriften, mein Opa schläft.) Ich klingele bei Michi, und sie kommt mit Kater Maxi an der Leine herunter. Maxi ist schwarzweiß gestreift und verwöhnt, ich mag ihn nicht. Michi will mit dem Kater vor Jean-Pierre angeben, glaube ich.

Ihrer Mutter muss sie jedes Mal versprechen, auf Maxi aufzupassen, damit er nicht überfahren wird. Das würde sie nicht ertragen, sagt Michis Mutter. (Meine Mutter sagt, Michis Mutter hat sie nicht alle.) Wir gehen zum Wasserturm, die Strass-Steine an Maxis Lederhalsband glitzern. Das blöde Vieh will immer dahin, wo wir nicht hinwollen, es zerrt an der Leine und miaut. Die Leute auf der Straße bleiben stehen und gucken. Ein älterer Mann tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Denkt er, wir haben einen Vogel?

 

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