Kategorie-Archiv: BERLIN – BLOG

Freiheit, du wildes Stück!

pink glitzertasche

In der Straßenbahn stadtauswärts sitzt neben mir eine füllige Frau mit Kunstfingernägeln, eine zweite sitzt mir gegenüber. Die eine tippt mit dem Lila-Langnagel auf ihr Handydisplay (klack klack klack), die andere blättert mit nachtblauen Nägeln mit Silbersternchen in ihrem Kaufland-Prospekt. Die Finger der Frauen sind ein bisschen wurstig und laufen in spitzen Krallen zu. Sie fallen auf im grauen Gesamtbild. Alltag überall, Routine, Normalität, doch an den Händen ist Disko: Freiheit, du wildes Stück. Ob die kleine Flucht gelingt? Und wie geht da Putzen, wie geht Sex? (Mal jemanden fragen, der sich auskennt). Meine Nägel sind kurz, unlackiert und an den Seiten rau. Kaum sexy. Putzen aber geht.

Arbeit und Trost

zwei kleine Flaschen Sekt

Ein Mann hält seine Ledertasche akkurat auf den Knien. Unruhig schaut er umher, murmelt, schnaubt in sein Stofftaschentuch, zieht einen Pikkolo Rotkäppchensekt aus der Tasche, nimmt einen Schluck, steckt die Flasche wieder ein, zieht seine Fäustling-Handschuhe an und steigt aus der Bahn. Es ist an einem Dienstagmorgen 8.30 Uhr am Berliner Ostbahnhof. Ich sehe den Mann häufiger, irgendwann spreche ich ihn an, ob er auch zur Arbeit fahre. Arbeit??? Die hätte er schon lange nicht mehr, bricht es aus ihm heraus, die hätten doch alles dicht gemacht in den Neunzigern. Früher, da fuhr er jeden Morgen ins Ausbesserungswerk der Bahn, am liebsten Frühschicht, 4.30 Uhr aufstehen, Züge warten, nachmittags die Vögel füttern. 23 Jahre lang, nur zweimal krank gewesen (Blinddarm, Bronchitis). Und immer noch täglich die Strecke? Ja, was denn sonst, zuhause könne er nicht bleiben, da käme ja die Decke runter. Also Tag für Tag um 6 Uhr auf, Brote schmieren, Thermosflasche Tee einpacken, so wie früher, Mantel an und los. Manchmal einen Pikkolo, gegen das Grau.

Hallelujah Jordan

Halt jetzt endlich deine blöde Fresse, Jordan! – schreit die alte Frau auf dem Fahrrad. Ihre wütende Stimme klingt nach Schnaps und Zigaretten. Wie ein Hammerschlag bricht sie in die Nachmittagsruhe ein, die wenigen Parkläufer gucken irritiert. Jordan ist einer der drei grauen Pudel, die neben dem Fahrrad der Frau herlaufen. Womit er ihren Groll erregt hat, bleibt unklar. / Reglos liegt der Ausflugsdampfer an seinem mit Plastikpalmen gesäumten Steg. Im Bug des Dampfers überwintert ein kniehoher Weihnachtsbaum, Lichterketten blinken, vor die Fenster des Gastraumes sind Gardinen gezogen. Am S-Bahnhof spielt jemand mit E-Gitarre „Hallelujah“ von Leonard Cohen.

Frühstück Haus bei Eko

Im „Frühstück Haus“ bei Eko  sind die Schaufenster mit Papier zugeklebt, die Türen verrammelt. Das Farbfoto mit den Orient-Speisen an der Außentafel (Schafskäse, Oliven, Sucuk, Pide) ist verblasst. Frühstück Haus. Frühstückshaus. Haus des Frühstücks? Mit ohne Genitiv. / Ein paar Ecken weiter hat Die Blaue Mühle dichtgemacht, eine Altberliner Kneipe. Noch bis vor kurzem liefen hier vor allem am Wochenende neben den üblichen Kneipentrinkern jede Menge Künstler auf, Abenteurer und Verrückte. Die Luft war dick, der Schnaps scharf, der Ton rau. Das magische Zentrum der Blauen Mühle war aber nicht der Sprit, sondern Barfrau Joy (viel Leben, viel  Make-up, viel Dekolleté). Joy verströmte eine exklusive Mischung aus mütterlicher Wärme, Lebensklugheit und dem Sex-Appeal verruchter Nächte. Sie war die Seele der Mühle. Stammgäste und Besucher kreisten gleichermaßen um sie wie Planeten um die Sonne. Zu fortgeschrittener Stunde griff die fabelhafte Joy gern mal zum Mikrofon und sang auf Gloria Gaynor, Baccara oder Chic. Das ist nun vorbei.

Mittagshitze

träumen in der Mittagshitze

Ich stehe im dunklen Korridor der Altbauwohnung, Mittagshitze hält die Zeit an, auf einem Sonnenstrahl flirren Staubkörnchen. Mit offenen Augen träume ich von den Hunden meines Onkels, wie wir durch das Feld hinter der Pferdekoppel jagen. Die Hunde heißen Fips und Dolly, sie springen an mir hoch und lecken meine Hand, ich belle mit ihnen um die Wette. Dann reißt mich Oma Gisela aus meinem Traum. Jana, komm mal,  ruft sie, und gibt mir ein Stück Streuselkuchen. Sag´s aber nicht deiner Mutter.

2018: Traum & Vorsatz

Frau mit Katze im Traum

Im Traum treffe ich Kurte, der früher Hausmeister in unserer Schule war. (Ich ging auf eine POS aus altem Backstein an der Prenzlauer Allee. Ich war Schlüsselkind und durfte mittags nachhause.) Kurte, und nicht Kurt, weiß auch nicht, warum. Der Traum-Kurte ist nicht mehr der gutmütige, alte Mann (45) aus meiner Erinnerung, mit blauem Arbeitskittel, Bierbauch und Stoppelbart, sondern jung und knackfrisch wie eine nicht geschlagene Weihnachtstanne. In meinem Traum liegen wir komplett angezogen gemeinsam mit anderen Leuten in einem Bett, der Morgen graut und die Stimmung ist Party, mit leicht abfallender Kurve. Kurte meint, er sei doch Kurte, von früher, nur viel jünger, und er müsse mich unbedingt wiedersehen. Ich sage, das hätte keine Zukunft. Kurte schluchzt. Schnitt: Ich sitze zuhause am Computer und finde eine Mail in meinem Postfach, von Kurte, was mich wundert, denn ich habe ihm keine Adresse gegeben. Der alte Fuchs, denke ich geschmeichelt. Dann öffne ich die Mail, und heraus springt ein grinsender Horror-Clown. Ach Kurte, du Kind, ist DAS deine Art zu lieben? Ich nehme mir vor, nie wieder zu träumen.

Putzen, Pissen, Feiern

Flamingo mit Apfel kann putzen

Die Raumpflegerin aus Bosnien pflegt ihr krankes Kind und fällt ein paar Tage aus. Als Vertretung kommt ein Duo, die eine um die 50, dürr wie ein Zaunpfahl und mit sich selbst redend, die andere Mitte 20, freundlich, pummlig, rosa Leggings. Die Ältere nörgelt pausenlos vor sich hin. So, jetzt muss ich noch die Klos putzen, ach, das ist ja eine Sauerei, da könnte ich schon wieder! – In der Küche war ich schon, jetzt muss ich noch die Gänge saugen. hm hm. Sie summt und singt, ihre Umgebung blendet sie aus. Die Jüngere bewegt sich mit den Müllbeuteln in der Hand langsam und schwer wie eine Schildkröte. Kollege M. flieht vor der Putzkolonne nach vorn in die Küche. Später quiekt er vor Entsetzen: Die Männertoilette ist mit alten Urinspritzern übersät. Und gleich geht die Betriebsfeier los!