Kategorie-Archiv: BERLIN – BLOG

Britz brutal

Schokohasen in Britz Der Supermarkt in Britz lädt mit Imbiss und Sitzpolstern zum Verweilen ein. Kaffee, Kuchen, Rentnertreff. Neben mir am Tisch sitzen drei Damen 70 Plus, sie reden deutlich hörbar über Arztbesuche (den Wiemer kannste vergessen), Hüftprothesen (würd ick nich empfehlen) und Traudchens Dilemma. Haste schon jehört? Traudchen wurde dit Portemonnaie jeklaut! – Nee! – Doch! Drüben beim NETTO, direkt aus der Tasche gezogen, und sie hat´s nich gemerkt!So eine Sauerei! – Da sagste was! – Dit war vor zwei Wochen. Die hat sich noch immer nich erholt! – Die Damen diskutieren den Anstieg der Delikte im Bereich Diebstahl und Einbruch und auch die Schwäche der Behörden. Sie mixen Meinungen mit Erfahrungsberichten und politischen Aussagen. Sie sehnen die alten Zeiten herbei, als noch Ordnung herrschte. Gewalt lehnen sie ab, aber Ordnung, die müsse schon sein. Die Eine (einst im Verkauf bei Karstadt) sagt: Früher haben se denen die Hand abjehackt. Und dit find ick ooch jut so, dit sollte man wieder einführen. Dann lern die vielleicht ma wat.

Neuneinhalb Wochen

Reiterstandbild KarlshorstSie gehen spazieren, es nieselt, sie reden über Skinheads und Ferienlager. Sie trinken Bier, sie lachen, und sie haben Angst. Beim Abschied streift seine Hand kaum merklich ihren Rücken und ihre Taille, als wollte er sich ihres Körpers vergewissern, und der Möglichkeit, ihn zu berühren, in ihn einzudringen. Fordernd ist seine Geste, sie fährt wie ein Blitz durch den Stoff ihres Mantels und unter ihre Haut. (…) Neuneinhalb Wochen später teilt er ihr mit, dass er mit seiner Familie in den Urlaub fährt. Sie geht nicht raus an dem Tag. Es nieselt.

Minigolf in Mitte

Strandherz aus Steinen am SeeFrau M. lädt zum Minigolf. Die Sonne scheint, wir lochen barfuß ein und trinken Limonade. Frau M. erläutert mir die Möglichkeit der Liebe. Ihrer Ansicht nach sollte die Frau nicht den Anfang machen, die Anbahnung sei Sache des Mannes. „Wenn die Frau zu viel forciert, kann die Liebe nicht frei fließen“, sagt Frau M. und guckt mich an. Ich fühle mich sofort schuldig, obwohl ich gar nichts forciert habe. Frau M. meint es wohl gut mit mir. Sie sagt: „Man kann im Leben nur EINEN Menschen wirklich lieben.“ – „Und was, wenn die eine große Liebe stirbt?!“, begehre ich auf. So viel Schicksal lasse ich mir nicht bieten. Frau M. bleibt hart. „Dann kann man später noch gute Zeiten haben, aber die große Liebe ist es nicht.“ Ich habe da meine Bedenken. Frau M. ist seit mehr als 20 Jahren mit einem Mann zusammen, der sie eifersüchtig überwacht, der nicht will, dass sie ihr Studium fortsetzt, der sie manchmal im Familienbetrieb arbeiten lässt, ohne zu bezahlen. Frau M. läuft gern zu Fuß durch die Stadt, das macht sie froh. Ihr Mann aber droht ihr mit Gewalt, falls sie ihn verlassen sollte. Ich sage nichts dazu. Beim Minigolf sieht Frau M. seit langem wieder einmal fröhlich aus. Nach dem Spiel trinken wir selbstgebrannten kroatischen Walnusslikör.

 

 

Radio – Porno

kleiner katzenbär

Samstagmorgen, halb acht: Im Gleisbett der Straßenbahn schlagen Männer mit Hämmern Rohre entzwei. Vor dem Späti johlen junge Dänen. Ein Lieferwagen wirbt für „Kompetenz in Frische“. Kinderstimmen quietschen fröhlich Werbung: Beim Discounter gibt es deutschen Blumenkohl, für 79 Cent, Orgasmus für die ganze Familie. Opa komm her, yeah, mach Radio, das Porno klingt. Foyer des Arts ist tot. Der Plan lebt: Lass die Katze stehn.

Guru Sex ist super Sex

Fatima Armband für Glück

Der Geruch im Guru  – Laden erinnert mich an Kasha, die vor zehn Jahren in Valle Gran Rey meinen Nacken weich massierte (dafür liebe ich sie noch heute). Kasha war shamanic healer, und vor ihren Behandlungen räucherte sie ihren Raum aus, mit Myrrhe, Opium und Yoni. (Außerdem stammt von Kasha der schöne Spruch Gurusex ist Supersex.) Vor dem Laden ist eine Riesenpfütze, es regnet seit drei Tagen ununterbrochen, drinnen ist es menschenleer. Die beiden Frauen hinter dem Verkaufstresen – eine junge, schöne (Mitte Zwanzig, Haremshosen, tätowierte Füße), und eine etwas verhärmte (Ende Vierzig, Haremshosen, streichholzdünn) – unterhalten sich über Facebook und Tiere. „Vor kurzem habe ich im Park einen dreibeinigen Hund gesehen“, sagt die Ältere mit zittriger Stimme, „und die Besitzerin hat den so stark an der Leine gezogen, schlimm war das mitanzusehen. Tierquälerei.“ Pause. „Warum hast du nichts gesagt?“, fragt die Jüngere trocken. „Ach, so Eine bin ich nicht, die fremden Leuten sagt, was sie tun sollen.“ Ich kaufe einen Sarong, ein silbernes Fatima – Armband und ein Ganesha – Bild. Als ich nach Liebeskugeln frage, empfiehlt mir die Frau mit den Fuß – Tattoos den Adult Toy Store einige Straßen weiter.

Die Asche des Vaters

zwei vögel kreuzen die schnäbel zum kuss

Zwei Frauen in der Straßenbahn (höhere Bildung, Segeltuchschuhe, marineblauer Blazer):

Frau 1: Also, der Günther, der hat ja lange kein gutes Verhältnis gehabt zu seinem Vater. Das war sehr, sehr schwierig. (Pause)

Frau 2: Der von den Schumanns? Ich kann mich erinnern, die sind ja dann nach Lüneburg gezogen, seitdem hab ich die nicht mehr gesehen.

Frau 1: Genau der. Wir hatten noch Kontakt, durch Susanne, du weißt schon, und da hab ich mitgekriegt, dass er jahrelang in Therapie war, um seine Kindheit aufzuarbeiten.

Frau 2: Ach was, mir kam die Familie immer so solide vor.

Frau 1: Sah wohl nur so aus. Jedenfalls, als der Vater dann Krebs hatte, und alle wussten, dass er bald sterben würde, da hat der Günther sich noch am Krankenbett mit ihm versöhnt!

Frau 2: Nee!

Frau 1: Doch! Und weißt du was? Seit dem Tod seines Vaters trägt der Günther jetzt immer eine Phiole um den Hals. Mit der Asche des Vaters.

Rahnsdorf: Kindertraum

herz will tanzen

Nachts, wenn der Lärm abnimmt, verstärken sich die Geräusche der Straßenbahn unter meinem Fenster: Wie eine Metallhydra schält sie sich aus der dunklen Stille, donnert über ihr Gleisbett und weckt mich auf. Regen trommelt mich zurück in den Schlaf, und wieder träume ich von der blonden Frau, die rauchend an der Haltestelle steht. Ich komme in einer blassgelben, altertümlichen Bahn angefahren, mit quietschenden Türen, die sich über einen Handhebel nur mit Mühe öffnen lassen. Der Hebel klemmt, und ich habe Angst, nicht rechtzeitig aus der Bahn steigen zu können. Doch es gelingt mir. Ich will die blonde Frau ansprechen (ich sehne mich nach dem Duft ihres Haares), doch jedes Mal ist sie verschwunden. Ich fürchte mich vor der Dunkelheit, die vom blassgelben Schein alter Laternen nur schwach unterbrochen wird, genauso wie ich mich in der Warteschlange beim Fleischer fürchte: Wenn ich anstehe, verstärkt sich das Ziehen im Bauch, je näher ich nach vorn rücke. Einmal gehe ich, kurz bevor ich dran bin, aus der Schlange. Ich halte es nicht mehr aus, mein Puls klopft laut. Gleich wäre ich dran und müsste laut meine Bestellung sagen, und alle Umstehenden würden mich hören (…) Ich wache auf, mit Schweiß auf der Stirn.

Tiergarten: Juergen Teller

Juergen Teller fotografiert Charlotte Rampling mit dem Fuchs
Juergen Teller, Charlotte Rampling, a Fox, and a Plate No.15, 2016  © Juergen Teller

Juergen Teller Foto-Schau „Enjoy your life“: Die Aufnahmen, mannshoch und gestochen scharf, schieben sich, behutsam und Stück für Stück, an den Betrachter heran. Sie zeigen die Schauspielerin Charlotte Rampling in einem sonnigen Garten. Rampling (schwarze Hose, weiße Bluse) erscheint alterslos und androgyn; bodenlange Glastüren hinter ihr markieren den schicken Bungalow, vor ihr liegt dezentes Grün. Tellers Lifestyle – Faktor, der oft genug Kunst, Ironie und Hintergründigkeit schlägt (wie in der Fotoserie “Kanye, Juergen & Kim“, die mit Kardashians barocker Hinterseite langweilt), kann sich in diesem Kunst-Garten wunderbar ausbreiten. Denn die Geschichte durchkreuzt ihn. Auf den Folgebildern sieht man Rampling im Unterholz, Rampling am Boden kniend und aus der Tierschale trinkend und dann sieht man Rampling mit dem Fuchs. Das Tier (aufgezogen von einem Pfleger) nähert sich der Frau, allmählich und zaghaft. Am Ende sitzt Rampling auf einem Stuhl und der Fuchs auf ihrem Schoß.

auf der Autorückbank

roter flamingo im auto

Sonntagmorgen, 6 Uhr. Auf der Straße schreit ein Mann, er schreit und schreit und hört nicht auf. Dann geht das Schreien in ein Gurgeln über. Der Mann liegt auf dem Trottoir, mit dem Gesicht nach unten, ein anderer drückt ihn zu Boden. Ein blauer PKW steht einsam auf der Fahrbahn, die Türen offen, die Straßenkreuzung ist menschenleer. Aus dem Fenster im vierten Stock des Miethauses gegenüber ruft jemand, er habe schon die Polizei alarmiert. Als die Polizei kommt, schreit der Mann am Boden wieder los, er lasse sich seine Freiheit nicht nehmen. Der ältere Polizist schaut um sich, doch außer zwei Frauen an der Bushaltestelle ist niemand da. Sein jüngerer Kollege spricht auf den am Boden Liegenden ein, doch der schreit weiter. Dann packt der jüngere Polizist den Schreier und hievt ihn ins Polizeiauto. Der Mann  liegt nun eingerollt auf der Autorückbank, wie ein stummes Paket.